Im Erscheinen befindet sich eine neue Studie, die sich mit den historischen Hintergründen des Attentats auf August von Kotzebue befasst und die Polemiken beleuchtet, die vor und nach dem Wartburgfest 1817 zur Radikalisierung der öffentlichen Haltung gegenüber Kotzebue wesentlich beigetragen haben:

Anna Ananieva und Rolf Haaser „Publizität und Diplomatie: Politische Skandale um August von Kotzebue und Alexander von Stourdza im Kontext ideologischer Radikalisierung nach dem Wartburgfest“, in: Joachim Bauer (Hg.), Das Wartburgfest 1817 als Europäisches Ereignis. (Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Jena). Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2019, 33 S.

Einleitung

Blickt man aus der zeitlichen Distanz von heute auf die ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts, so erscheint das gesamte europäische Raumgefüge von einer faszinierenden Dynamik ergriffen: Bestehende Staatsordnungen und Landesgrenzen wurden negiert, neue Länder und Verbünde geschaffen, Pläne für staatliche und gesellschaftliche Reformen geschmiedet und verworfen, Großmachtansprüche behauptet und verloren, revolutionäre Unruhen geboren und erstickt. Schon bald nach dem Wiener Kongress schlugen die ideologischen Reibungen zwischen den Ordnungsbestrebungen im Zeichen der Heiligen Allianz und den konstitutionell-revolutionären Bewegungen die ersten Funken. Diese entzündeten am 18. Oktober 1817 die echten Feuerflammen des Wartburgfestes in Eisenach. Ironischerweise entwickelte sich ein deutsches Großherzogtum zum Brandherd der radikalen National- und Freiheitsbewegung, in dem eine Schwester des russischen Kaisers Alexander I., Großfürstin Maria Pawlowna (1786–1859), an der Seite des regierenden Großherzogs residierte.  Trotz der Bemühungen des Weimarer Hofes um Schadensbegrenzung zog das symbolträchtig inszenierte Autodafé der Wartburgfeier in dem deutschnationalen Lager weite Kreise. Die Radikalisierung an den deutschen Universitäten nahm zu und stand schließlich auf dem Programm des Monarchenkongresses in Aachen im Herbst 1818. Angefacht durch den publizistischen Skandal um ein geheimes Kongressdokument von Alexander von Stourdza wurden Pläne zur Ermordung des Zaren und einiger seiner Staatsdiener geschmiedet. Das Attentat an dem russischen Staatsrat, Publizisten und Dramatiker August von Kotzebue bot 1819 den Anlass für die restriktiven Karlsbader Beschlüsse des Deutschen Bundes. Auch in Russland wurden Maßnahmen getroffen, die die konstitutionell-liberalen Funkenschläge für den Rest der Regierungszeit Alexanders I. vorläufig einzudämmen vermochten.

In den wenigen Jahren zwischen dem triumphalen Einzug der antinapoleonischen Koalition im eroberten Paris und den Karlsbader Beschlüssen vollzogen die politisierten liberalen Kreise der deutschen Öffentlichkeit eine radikale Kehrtwendung in ihrem Verhältnis zu Russland: Die anfänglich enthusiastisch gefeierte Waffenbrüderschaft wich zunehmend einer durch Argwohn und Misstrauen gekennzeichneten Haltung, die teilweise Züge eines ausgesprochenen Russenhasses annahm.

Der besonders von liberal gesinnten Wortführern unter dem viel beschworenen Begriff „Zeitgeist“ sich formierende ideologisch motivierte Patriotismus, der aus der Abschüttelung der französischen Fremdherrschaft die neue nationale Identität eines freien Deutschtums zu ziehen bestrebt war, war nun mit einer neuen Problemlage konfrontiert: Die Präsenz Russlands als Siegermacht auf dem Boden der ehemals von Frankreich dominierten deutschen Länder wurde nach 1813 zunehmend als prekär empfunden. Unübersehbar waren neben dem Umstand, dass nach der Schlacht bei Leipzig das Königreich Sachsen über ein Jahr lang ein russisches Generalgouvernement darstellte (eine in der historischen Forschung selten beachtete Tatsache), die mehr oder weniger offene Einflussnahme der russischen Regierung auf die politischen Verhältnisse Europas auf den verschiedenen Friedenskongressen der Siegermächte sowie die ausgedehnten dynastischen Verflechtungen des russischen Herrscherhauses mit verschiedenen deutschen Teilstaaten, darunter vor allem Preußen und Württemberg, aber auch Baden und Sachsen-Weimar-Eisenach.

Der mit dem historischen Veränderungsprozess einhergehende Mentalitätswandel schlug sich auf besonders konfliktreiche Weise im Umfeld der Universitäten nieder.  Die führenden Akteure und Ideen der nationalen Einheitsbewegung gingen aus der Studenten- und Professorenschaft hervor. Im Zusammenhang mit der Radikalisierung der Studentenschaft fielen insbesondere die Standorte in Gießen und Jena auf. Die Polemik spielte sich jedoch auf dem weit gespannten Feld der Publizistik ab. Die neue Bedeutung der Zeitungen als das führende Medium des 19. Jahrhunderts wirkte dabei wegweisend, nicht nur für die Entwicklung der politischen Debatten, sondern auch für den Gang der Ereignisse. Mit den historischen Umwälzungen, die von den Staatsakteuren auf der Bühne der Großpolitik sowie hinter den Kulissen durch die Geheimdiplomatie gelenkt wurden, ging eine kaum zu unterschätzende Erweiterung der öffentlichkeitswirksamen Publizität einher. Die wichtigsten historischen Wegmarken, die das ‚patriotische‘ Bewusstsein der gebildeten Schichten der deutschen Öffentlichkeit in den Jahren 1813 bis 1819 prägten, waren die Mobilisierung freiwilliger Jägerkorps für den Kampf gegen Napoleon, die Enttäuschung der in die unmittelbare Nachkriegszeit gesetzten Hoffnungen auf politische Reformen und Liberalisierung des öffentlichen Lebens, das in seiner Bedeutung den engeren studentischen Rahmen sprengende Wartburgfest des Jahres 1817 und schließlich der politisch motivierte Mord an dem russischen Staatsrat August von Kotzebue durch den Jenaer Studenten Karl Sand.