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Der Unterhaltungskonzern:
Der Leipziger Verleger Georg Voß und seine Buch- und Kunsthandlung


Arbeitvorhaben im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts "Von der ›Aufklärung‹ zur ›Unterhaltung‹: Literarische und mediale Transformationen in Deutschland zwischen 1780 und 1840" an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Universität Bonn (Laufzeit Juli 2008 – Juli 2010)

Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden in der gemeinsamen Monografie des DFG-Forschungsprojekts präsentiert:

Anna Ananieva: Der Leipziger Voss Verlag: Eine Buch- und Kunsthandlung um 1800, in: Anna Ananieva, Dorothea Böck, Hedwig Pompe: Auf der Schwelle zur Moderne: Szenarien von Unterhaltung in Deutschland zwischen 1780 und 1840. Vier Fallstudien. Bielefeld: Aisthesis, 2015,Bd. 2, S. 437-635.

>Ausführliches Inhaltsverzeichnis und Namensregister

Projektskizze
Im Mittelpunkt des Teilprojekts steht ein Leipziger Verlagsunternehmen, die Buch- und Kunsthandlung von Georg Voß (1765-1842), die der gelernte Tuch- und Seidenhändler im Jahr 1791 gegründet und fast drei Jahrzehnte lang geleitet hat. Die Untersuchung geht der Frage nach, inwiefern die programmatische Distanzierung der Voßschen Buch- und Kunsthandlung von dem wissenschaftlichen und politischen Diskurs zu der Entwicklung von innovativen verlegerischen Strategien führt und die Herausbildung populärer Publikationsformate nach sich zieht. In dem projektübergreifenden Zusammenhang geht es darum, anhand der Analyse von wechselnden, periodisch erscheinenden Schriften und Sammelwerken innerhalb des Verlagsprogramms von Georg Voß die kulturpolitischen und medienspezifischen Folgen in Hinblick auf die sich abzeichnenden Veränderungen der Konzepte von Aufklärung und Unterhaltung greifbar zu machen.

Tatsächlich erscheinen die Jahre nach der Verlagsgründung als ein verlegerisches Labor, in dem unter den wirtschaftlichen Anforderungen des Bücherabsatzes immer wieder neue periodisch erscheinende Sammelwerke ins Leben gerufen, weitergeführt, an andere Verlage verkauft oder gänzlich eingestellt werden. Während der Suche nach neuen wirtschaftlich einträglichen literatur-medialen Formaten erweist sich vor allem die Form des jährlich erscheinenden Taschenbuches als besonders gut dafür geeignet, die Spielräume des breitenwirksamen Büchermarktes auszuloten. Neben der Ausweitung des Adressatenkreises und der damit einhergehenden Diversität der Themen, lässt sich bei den Voßschen Verlagsprodukten eine entscheidende Neuakzentuierung innerhalb der periodischen Verlagsschriften ablesen: diese umfassen neben den traditionellen Bereichen der Produktion und der Arbeit zunehmend intensiv auch die Prozesse des Konsums und der Freizeit.

Eine markante Zäsur stellt in diesem Zusammenhang die starke Zuwendung zu den Bereichen des Konsums und der Freizeit innerhalb des Verlagsprogramms dar, die für die Konstitution des literarischen und medialen Konzepts der Unterhaltung von entscheidender Bedeutung ist. Einen zentralen Aspekt der Untersuchung bildet dabei die Frage nach den formästhetischen Konsequenzen. Diese lassen sich bei den Voßschen Verlagsprodukten exemplarisch auf mehreren Ebenen verfolgen und beziehen sich auf 1) haptische Eigenschaften, wie die Gestaltung des Einbandes und die Papierwahl der unterschiedlichen preisgünstigen bis prachtvollen Auflagen, 2) visuelle Merkmale einzelner Taschenbuchprojekte, wie die Qualität der Illustrationen, des Schriftbildes oder der Beigaben, 3) bis hin zu den im engeren Sinne literarischen Textstrategien der Sammelwerke. Als Prämisse gilt dabei die vielfache Adressierung der Sinne, da es vorrangig um die Aufmerksamkeit des Kaufpublikums geht. Neben den Strategien des Reizes kommt insbesondere der „Konsumtion des Gefühls“ und ihrer Steuerung eine entscheidende Rolle zu, insofern die Taschenbücher als ein meist jährlich erscheinendes Medium grundsätzlich auf einen „stets wiederholte[n] Genuss“ (F.A. Brockhaus, Anzeige literarischer Preisaufgaben für das Taschenbuch „Urania“, April 1816) angelegt sind. Festzuhalten ist, dass die plurimedialen Konstellationen innerhalb eines Buchmediums somit zu den herausragenden Merkmalen der Taschenbücher zählen. Diese sind darum bemüht, möglichst viele Facetten der Empfindungen zu bedienen, handelt es sich doch dabei um stilles oder lautes Lesen, instrumentales oder vokales Musizieren, Tanzen, Zeichnen, Sticken u.v.a.m.

Insgesamt profitieren die periodisch erscheinenden Sammelwerke, in ästhetischer wie ökonomischer Sicht, von den wirkungsästhetischen Prämissen der Abwechslung und der Mannigfaltigkeit, indem sie auf die erprobten Kulturtechniken setzen, die sich in diesem Zusammenhang im späten 18. Jahrhundert entwickelt haben. Die literarische und mediale Heterogenität der Taschenbücher, die vielfache aisthetische Adressierung und die egalitäre soziale Ausrichtung macht sie zu einem Versuchsfeld für die Herausbildung einer neuen Ästhetik der „vermischten Formen“. Eine der Aufgaben des Teilprojekts ist es, zu zeigen, wie sich die früheren periodischen Verlagsproduktionen, wie die Taschenbücher, zu dem avanciertesten Projekt des Verlags, der „Zeitung für die elegante Welt“ verhalten. Nachgegangen wird dabei den Transformationen innerhalb der Felder der Unterhaltung und der Aufklärung, um die Prozesse zu rekonstruieren, die die Grenzen einer kunsttheoretisch gebannten Randexistenz des capricciohaften, Unförmlichen verlassen und sich außerhalb der Dialektik von Norm und Abweichung entfalten können.

Die ersten zwei Jahrzehnte der Voßschen Verlagsgeschichte scheinen in Hinblick auf die Entstehung einer Ästhetik der „vermischten Formen“ auf allen einschlägigen Gebieten besonders viel versprechend zu sein, betrachtet man die Verlagsprodukte wie „Lina’s Ferien“, Toiletten-Geschenk für Damen“, „Taschenbuch zum geselligen Vergnügen“ oder „Erholungen“ u.v.m. Denn bereits der Sohn des Verlegers, der Nachfolger Leopold Voß, setzt konsequent auf die Trennung und die anschließende interne Konsolidierung der Bereiche der „bunten regellosen“ „Unterhaltung“ und der normstiftenden „Wissenschaft“, in dem er zum einen das Großprojekt der „Zeitung für die elegante Welt“ bis 1848 erfolgreich weiterführt, aber zugleich „die Pflege der wissenschaftlichen Litteratur […] als vornehmste Aufgabe des Buchhändlers“ ansieht und dieser konsequent in seiner neuen Funktion als „Commissionär“ der russischen Akademie der Wissenschaften nachgeht.