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Teilprojekt "Andenken und Eingedenken. Ein ästhetisch-soziales Wechselspiel zwischen poetisierten Gärten und Intérieurs" des SFB 434 "Erinnerungskulturen" (Leiter: Günter Oesterle; Mitarbeiterinnen: Christiane Holm, Natascha N. Hoefer, Anna Ananieva)

Arbeitsvorhaben: Verlassene Gärten und Poesie des Eingedenkens
(Laufzeit: 2006-2008)

Die Ausgangssituation in der Mitte des 19. Jhs. zeichnet sich dadurch aus, dass die Gartengestaltung sich in viele Spezialformen ausdifferenziert hatte, deren Pole der öffentliche Stadtpark und der bürgerliche Kleingarten bilden. Aus dieser Konstellation heraus erfährt die poetologische Engführung von Garten und Erinnerung ihre Renaissance am Ende des 19. Jhs., eines Jahrhunderts, das auf eine ausdifferenzierte Gartenkultur zurückblickt und gleichzeitig über eine hochspezialisierte Dingkompetenz verfügt (Apel 1983; Koebner 1994; Asendorf 1984). Auf die Überlagerung dieser Felder konzentriert sich das Arbeitsvorhaben, das an den Schnittstellen von Poetik, Gartenerlebnis und dinglicher Erinnerung die Formierung des modernen Erinnerungsmodus des Eingedenkens in der Literatur bis zu Beginn des 20. Jhs. komparatistisch nachzeichnen möchte.

Mit dem Wandel der Gesellschafts- und Produktionsstrukturen werden Gärten als unfreiwillig verlassene Orte thematisiert (Storm, Turgenev), die als Gegenpol zu den industrialisierten Städten zunehmend rückwärtsgewandte, nostalgisch gefärbte Züge erhalten. Das Vorhaben stellt die Arbeitsthese voran, dass die dinglichen Andenken als vom Ort abgelöste Erinnerungsmedien im Bezug auf einen zerstörten oder verkauften Garten, der sich dem räumlichen Erlebnis entzieht, einer Zerreißprobe ausgesetzt werden (Raabe, Tschechov, Bunin). Hinzu kommt die Diskussion um den Stimmungsgehalt eines Gartenraums (Hofmannsthal, Herzl), für dessen Vermittlung man die medientechnische Innovation der Fotografie heranzieht (Schulze 2004). Die poetologische Reflexion von „Stimmung“, „Erlebnis“ und „Zufallssinne“ geht mit gedächtnistheoretischen Überlegungen (Mauthner, Dilthey, Benjamin) einher. Hier setzt die nächste Arbeitsthese an. Mit der Aufmerksamkeit auf das Ungreifbare und auf die Atmosphäre des Gartenerlebnisses rücken, was den Prozesses seiner Wiedererinnerung angeht, die flüchtigen, kaum greifbaren Elemente wie Hauch, Duft oder Schatten in den Vordergrund. Damit vergrößert sich die Spannung zu den intentional eingesetzten, dinglich-greifbaren Andenken. Der Erinnerungsmodus verlagert sich zunehmend hin zum nicht mehr steuerbaren Eingedenken.

In Hinblick auf die literarische Aneignung eines Gartens ist zu beobachten, dass dieser Führungswechsel der Erinnerungsmodi damit einher geht, dass der einsame Besucher fern der ritualisierten Geselligkeit und der ökonomischen Realitäten als Als-ob-Besitzer öffentlicher und fremder Gärten in Szene gesetzt wird (Rilke, Belyj). Dabei wirken Stimmung und Situation zusammen, um die Gartenimpressionen im Eingedenken literarisch neu zu gestalten. Das Arbeitsvorhaben rekonstruiert die ästhetische Formierung des Eingedenkens, das zwischen unwillkürlicher Erinnerung und Poesie changiert und letztlich in der konsequent ausgearbeiteten Poetik der Erinnerung Marcel Prousts gipfelt (*Jauß 1986). Absicht des Vorhabens ist, die spezifischen Aspekte der Poesie des Eingedenkens im Prozess der Sprachfindung (Hofmannsthal, Balmont) aufzuzeigen, die sich im Rekurs auf den Garten als einen hochartifiziellen Ort des Fremden und des Eigenen, des Vergangenen und des Gegenwärtigen profilieren.

Eigene Publikationen:

Art. Garten, in: Lexikon literarischer Symbole, hg. v. Günter Butzer und Joachim Jacob. Stuttgart: Metzler 2008, S. 120-123.

Andenken und Eingedenken. Formen affektiver Erinnerung im Wörlitzer Gartenreich (zus. m. Christiane Holm),in: „... Mittelpunkt des Einfachen und Erhabenen.“ Erhard Hirsch zum 80. Geburtstag. Sandershausen 2008, S. 85-115 (= Neue Beiträge zum Dessau-Wörlitzer Kulturkreis; I).

Phänomenologie des Intimen. Die Neuformulierung des Andenkens seit der Empfindsamkeit (zus. m. Christiane Holm), in: Der Souvenir. Erinnerung in Dingen von der Reliquie zum Andenken, hg. v. Ulrich Schneider. Ausst.-Kat. Museum für Angewandte Kunst Frankfurt (29.06.-29.10.2006). Köln: Wienand 2006, S. 156-187.