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Teilprojekt "Andenken und Eingedenken. Ein ästhetisch-soziales Wechselspiel zwischen poetisierten Gärten und Intérieurs" des SFB 434 "Erinnerungskulturen" (Leiter: Günter Oesterle; Mitarbeiterinnen: Christiane Holm, Natascha N. Hoefer, Anna Ananieva)

Arbeitsvorhaben: Vom Erinnerungsort zum Erinnerungsstück. Gartenerlebnis und Andenken
(Laufzeit: 2003-2005)

Das Arbeitsvorhaben knüpft an die Ergebnisse der zweiten Förderungsphase des Teilprojekts „Erinnern und Erfinden. Ein ästhetisch-soziales Wechselspiel zwischen poetisierten Gärten und Festen und literarischer Kunst des Erinnerns“ in erinnerungstheoretischer Hinsicht an. Dabei untersucht es das Andenken als Erinnerungsform im Kontext des Gartenerlebnisses vor dem Hintergrund der Durchsetzung von Temporalisierung und Delokalisierung der Erinnerung nach 1800.
Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den medialen Formen retrospektiver Vergegenwärtigung des Gartenerlebnisses, letzteres im Sinne eines im Anschluss an Gadamer (Gadamer 1960) zu erarbeitenden Erlebnisbegriffes. Das Arbeitsvorhaben überprüft in Anlehnung an die Fragestellung des Teilprojekts, ob und auf welche Weise eine Tendenz zur Verdinglichung des Erinnerns auch im Gartendiskurs des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck kommt.
Verfolgt wird die Entwicklung des Gartens vom repräsentativen und kollektiven Gedächtnisort im 18. Jahrhundert über die Intimisierung einzelner Gartenpassagen als Erinnerungsinszenierungen um 1800 hin zur Poetisierung der Gartenbeschreibungen und Individualisierung des Gartenerlebnisses in der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts. In der Untersuchung, die sich komparatistisch im Grenzbereich von Kultursemiotik und Literaturwissenschaft bewegt, soll das Wechselverhältnis zwischen kollektivem Gedächtnis und individueller Erinnerung im Gartendiskurs im weiteren Verlauf des Jahrhunderts versuchsweise auf den Ebenen 'Gartenerlebnis‘ und 'Gartenandenken‘ überprüft und differenziert werden.

Gartenerlebnis
Ausgegangen wird von der These, dass die ästhetische Dimension der Landschaftsinszenierung und die implizierte Wirkung auf die Einbildungskraft den Gartenbesuch zu einem individuellen Erlebnis machen. Die Inszenierung von Erinnerungsprozessen an memorialen Elementen des Landschaftsparks, gleich ob sie eine öffentliche oder eine private Erinnerung thematisieren, fordert den Betrachter auf, sein individualbiografisches Wissen einzubringen und im Garten seine eigene Topographie der Intimität zu erstellen (Gamper 1998).
Der Wandel von der mnemotechnisch organisierten Memoria zugunsten einer individuellen Erinnerung im Gartendiskurs führt in der Gartenliteratur um 1800 zur Zuspitzung der Fragestellung nach der Beschreibbarkeit und damit der Vermittlung des Gartenerlebnisses. Als Reaktion auf die wachsende Intimisierung des Verhältnisses zwischen Garten und Gartenbesucher weichen Gartenbeschreibungen, die mit dem Anspruch auf möglichst genaue Wiedergabe einer Gartenanlage auftreten, zunehmend den offenen, an poetischen Verfahren orientierten Evokationen eines individuellen Gartenerlebnisses. Der Garten entwickelt sich zu einem Produkt der Imagination. Ablesbar ist diese Entwicklung an der Konjunktur der Briefform als Gartenbeschreibung und an einer zunehmenden Bewahrung des Gartenerlebnisses in Form von Poesie bis hin zu Texten, die mitunter nur noch durch einen individuellen Erinnerungsrahmen den Bezug zum ursprünglichen Gartenerlebnis herstellen (Ananieva 2001).
Gleichzeitig und in Konkurrenz zu dieser vorherrschenden Tendenz zur Intimisierung und Individualisierung des Gartenerlebnisses vollzieht sich die Etablierung der Gärten zu kollektiven Wallfahrtsorten; paradigmatisch dafür ist der Gartentourismus zum „Rousseau-Garten“ auf der St. Petersinsel im Bieler See, wo der Anfang der systematischen Fabrikation von Gartensouvenirs gemacht wird (Piatti 2001; Wagner 1796, 1815-17). In dem Maße, wie die Parkanlagen sich zu einem für breitere Massen zugänglichen Vergnügungspark öffnen, nimmt die Nachfrage nach vorproduzierten Erinnerungsstücken zu, die dem 'Wieder-Holen' des Gartenerlebnisses dienen können.
Vor dem Hintergrund der Umgestaltung des Parks vom Gartensalon zum Vauxhall, vom Pavillon zum Souvenirkiosk und von der Orangerie zum Kristallpalast, bis hin zur Weltausstellung, stellt sich das Arbeitsvorhaben die Frage, welche Wege einer Andenkenstiftung und Erinnerungspraxis sich eröffnen. Das Arbeitsvorhaben geht den Erinnerungsformen nach, die eine Transformation des Gartenerlebnisses in ein tendenziell vom Garten als Ort ablösbares Medium beinhalten, und stützt sich dabei materialiter auf das Verhältnis zu den Gartenbeschreibungen nach 1800 und die Formen von Rezitierung und Reinszenierung von Gartenandenken in der Literatur.

Gartenandenken
Auf der Ebene der außerliterarischen Praxis sind es artifizielle Objekte, industriell hergestellte Dinge, Kleindenkmäler, Nippes, Souvenirs und Reiseandenken, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts massenhaft mobil und somit verfügbar für privaten Erwerb sind; sie können die Funktion eines gesicherten Auslösers von künftigen imaginären Gartenbesuchen übernehmen. Bei der Untersuchung der dinggebundenen Gartenandenken verfolgt das Arbeitsvorhaben die Arbeitshypothese, dass die Überführung des Gartensouvenirs in den Kontext individueller Erinnerung an ein eigenes Gartenerlebnis mit seiner Umdeutung zu einem persönlichen Andenkengegenstand einhergeht.
Verstand sich im Gartendiskurs des späten 18. Jahrhunderts die adäquate Wiedergabe der Wahrnehmungsprozesse eines Gartenbesuchers als eine Aufgabe literarischer Gartenbeschreibungen, so bieten die verschiedenen Kleinkunstformen den Besuchern eine individuelle Form für das Festhalten der individuellen Eindrücke. Diese zeichnen sich durch die Verschränkung von Bedeutungen des 'Kleindenkmals' und 'Andenkens' aus, indem sie zwischen der öffentlichen und privaten Erinnerungsstiftung changieren, das individuelle Gedächtnis stützen und zu einem Stück Intérieur werden.
In der miniaturisierten und verdinglichten Form knüpft die Andenkenpraxis des Albums (und seiner Form als Gästebuch im Garten) an Erinnerungsformen der Gartenbeschreibungen an. Das Album wird untersucht in seiner Eigenschaft als Medium öffentlicher und privater Kommunikation, das das Gartenerlebnis in Text und Bild bewahrt und seine Wiederholung in einem narrativen Zusammenhang leistet (Bickenbach 2001). Das Gästebuch im Garten wird einerseits als Erinnerungsstück eines Ortes untersucht, der einen öffentlichen Bereich darstellt, in dem Umgangsformen des Privaten praktiziert werden. Es dient andererseits jener begrenzten Geselligkeit, die sich im Salon (Gartenpavillon oder Salon des Landhauses) unter Gleichgesinnten entfaltet.
Andenkenstiftungen, die mit dem Gästebuch in das Programm eines Gartenbesuches fest integriert sind (Schäfer 1780), finden sich im privaten Bereich in Form des Souveniralbums wieder, das sich als 'poetischer Augenzeuge‘ für private und gesellige Ereignisse im kleinen Kreis inszenieren lässt. Während das Gästebuch sich im Intérieur des Gartenpavillons befindet, ist das Souveniralbum für ein privates Ambiente bestimmt.
In diesem Zusammenhang wendet sich das Arbeitsvorhaben zum einen den Geselligkeitsformen, die den Gartenbesuch begleiten wie 'Freundeskreis‘ (Kehn 1991) und 'Salon‘ (Gradenwitz 1991), und ihren Andenkenpraktiken zu. Dabei stehen erinnerungstheoretische Implikationen bei der Darstellung von Geselligkeitsformen in der Literatur des 19. Jahrhunderts (Hauschild 1981) im Vordergrund der Untersuchung. Zum anderen behält das Arbeitsvorhaben die Strategien der Hereinnahme des Gartens ins Intérieur im Auge, die auf dem traditionellen Bestreben der Gartenkunst um eine Verbindung zwischen der Innenraumgestaltung und der umliegenden Naturumgebung basieren. Die Auseinandersetzung mit diesem Phänomen findet in den literarischen Texten des 19. Jahrhunderts (Fontane; Storm) breiten Niederschlag (Börsch-Supan 1965; Weber 1991).
Das Verhältnis zwischen individueller und kollektiver Erinnerung wird in dem Arbeitsvorhaben über die Funktionsbestimmung des Andenkens als Erinnerungsform im Zusammenhang mit der retrospektiven Vergegenwärtigung des Gartenerlebnisses hinterfragt und präzisiert. Diese Untersuchung eröffnet vor dem Hintergrund des Übergangs von der topografischen zur zeitlichen bzw. der raumorientierten zur dinggebundenen Erinnerung (wie z.B. Gartensouvenir, Gästebuch und Souveniralbum) spezifische Ansatzpunkte für die Analyse erinnerungstheoretischer, narratologischer und ästhetischer Implikationen des Gartendiskurses im 19. Jahrhundert.

Eigene Publikationen:
Der Russische Garten im Park Belvedere: Erinnerungskultur und Andenkenspraxis zwischen Pawlowsk und Weimar, in: Maria Pawlowna. Zarentochter am Weimarer Hof. Hrsg. v. SWKK, Ausst.-Kat., Weimar, Berlin: Deutscher Kunstverlag 2004, Bd. 2, S. 331-340.

Der andere Garten. Erinnern und Erfinden in Gärten von Institutionen, hg. zus. m. Natascha N. Hoefer, ("Formen der Erinnerung"; Bd. 22). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005 (Einleitung: S. 9-34).

Phänomenologie des Intimen. Die Neuformulierung des Andenkens seit der Empfindsamkeit (zus. m. Christiane Holm), in: Der Souvenir. Erinnerung in Dingen von der Reliquie zum Andenken, hg. v. Ulrich Schneider. Ausst.-Kat. Museum für Angewandte Kunst Frankfurt (29.06.-29.10.2006). Köln: Wienand 2006, S. 156-187.

Garten, Andenken und Erinnerungskultur zwischen Pawlowsk und Weimar, in: Joachim Berger/Joachim von Puttkamer (Hg.), Von Petersburg nach Weimar: kulturelle Transfers von 1800 bis 1860. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2006, S. 261-285 (= Jenaer Beiträge zur Geschichte; 9).